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17. Feb 2013: Gefangen im Netz der Datenbanken

17. Februar 2013

„Gefangen im Netz der Datenbanken“ titelte die Zeitschrift „saldo“ mit der Nummer 2 Ausgabe vom 6. Februar 2013 auf Seite 14.

Eigentlich war es meine Absicht einen Blog zu schreiben, welcher den Opfern von falschen Datensätzen, Mut machen soll und auch eine Art Anleitung geben soll, wie und was man gegen das erfahrene Unrecht tun kann. Konkret, wie man erfahren kann, welche Daten über einem gespeichert werden und wenn diese falsch sind, wie man diese falschen Daten über die eigene Person korrigieren oder allenfalls löschen lassen kann.

Ziel war es, eine Art Zusammenfassung des Buches „Beim Barte des Propheten, Sunrise?„, der Seiten 119 bis 140 zu schreiben, welches sich dem Thema „Datenbanken“ widmet.

Doch nun kam mir die kompetente, schnelle und sympathische Profi-Journalistin Frau Mirjam Fonti zuvor und hat mir die Arbeit abgenommen. Sie veröffentlichte einen Artikel, welcher die Thematik derart gut zusammenfasst, dass ich es mir zunutze mache, diesen „saldo“-Artikel als Basis für meinen Blog zu benutzen. Nachfolgend der  Original-Artikel (Quellenverweis oben bereits erwähnt):

Gefangen im Netz der Datenbanken

(klick auf Bild, um Artikel im Original zu lesen)

Ich habe im Jahr 2012 selber über 16 Auszugsbegehren an Datenbanken und Inkassobüros gestellt und insgesamt wurden 7 Löschungsbegehren (entweder von mir persönlich oder von Sunrise oder von Drittparteien für mich) ausgestellt. Um dies anzupacken, hatte ich im Sommer 2012 eine Übersicht aller Bonitätsdatenbanken erstellt, welche ich via Google Search und diversen Fremdhilfen zusammenstellen konnte. Diese Übersicht entspricht auch den Seiten 123 und 124 des Buchs „Beim Barte des Propheten, Sunrise?“ Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit. Denn Datenbanken können jederzeit von jederman/frau gegründet und wieder eingestampft werden.

Es ist in der Schweiz übrigens nirgends möglich eine juristisch-verbindliche Übersicht der aktiven Datenbanken zu erhalten. Dies ist mitunter einer der Gründe, warum es so schwer, umständlich und undurchsichtig ist, seine eigenen Datensätze zu erfahren.  Selbst der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (kurz: EDÖB) kann keine verbindlich vollständige Liste liefern, sondern wird genauso wie ich, auf die Wahrscheinlichkeit der Unvollständigkeit hinweisen.

Basierend auf der persönlichen Erfahrung 16 Auszugs- und 7 Löschungsbegehren gestellt zu haben, möchte ich mit just diesen persönlichen Erfahrungen an den „saldo“-Artikel anknüpfen.

Das Rechtliche vorweg:  Art. 8 des Bundesgesetzes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (235.1 DSG) gibt jeder Person das Recht, vom Inhaber einer Datensammlung Auskunft darüber zu verlangen, ob Daten über Sie bearbeitet werden oder nicht. Die Auskunft oder der begründete Entscheid, warum diese Auskunft eingeschränkt oder verweigert wird (Art. 9 und 10 DSG), muss Ihnen innerhalb von 30 Tagen erteilt werden (Art. 1 VDSG).

Finden Sie hier ein Musterschreiben für ein solches Auskunftsbegehren.

Bevor man ein Auskunftsbegehren stellt, empfiehlt sich das Studium des „Leitfaden über die Rechte der betroffenen Personen bei der Bearbeitung von Personendaten„, welches ebenfalls vom EDÖB online zur Verfügung gestellt wird. Ein solches Auskunftsbegehren muss vom Betreiber der Datenbank gratis beantwortet werden und man darf Ihnen nur dann für den Mehraufwand eine Rechnung ausstellen, wenn Sie mehr als 1x innerhalb von 12 Monaten ein solches Auskunftsbegehren stellen.

Meine Erfahrung aus der Praxis zeigte nun, dass ein knappes Drittel der Datenbanken/Inkassobüros, welche mein Auszugsbegehren erhalten hatten, selbst nach explizit erwähnter 30-Tage-Frist, auch nach 30 Tagen gar nicht erst geantwortet hatten. Positiv formuliert: Über zwei Drittel der Datenbanken liessen mir meinen Auszug innerhalb 30 Tagen zukommen.

Wenn eine Datenbank Sie ignorieren sollte, werte Blogleser/Innen, wenden Sie sich an den EDÖB. Kontaktieren Sie diesen entweder via deren Kontakt-Maske oder senden Sie dem EDÖB eine E-Mail an: info@bk.admin.ch und informieren Sie den EDÖB über den Verstoss des  Art. 8 des Bundesgesetzes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (235.1 DSG). Dieses Vorgehen propagiert der EDÖB auf seiner Homepage selber und kann hier nachgelesen werden.

Schlussendlich erhielt ich, mit freundlicher Unterstützung vom EDÖB, 15 Auszüge aus den 16 angefragten Datenbanken. Die 16. Datenbank hatte mein Auszugsbegehren nie beantwortet (und wird es auch nicht mehr tun), hatte aber via einer E-Mail an den Juristen von Sunrise geantwortet, womit ich auch die 16. Datenbank auf meiner Liste abhaken konnte.

Als ich alle gespeicherten Daten über mich vor mir liegen hatte, konnte ich feststellen, dass lauter unsinnige Daten und Unwahrheiten über mich erstellt wurden. Zusammengefasst waren folgende Daten falsch abgespeichert:

  • Meine Kreditbonität war auf „schlechteste Kategorie“ und es wurde davor gewarnt mittels „erhöhtes Risiko“ mit mir Geschäfte zu machen, wobei ich in den letzten 30 Jahren noch nicht mal eine einzige Mahnung erhielt
  • Ich sei möglicherweise bevormundet, obwohl ich als Volljähriger noch nie bevormundet war, was den Eintrag über 30 (dreissig) Jahre bestehen lässt
  • Unter „Inkassoforderungen“ war der Betrag von „CHF 271.-“ ersichtlich, was ebenfalls unkorrekt ist, denn infoscores irrtümliche Hauptforderung war CHF 72.45 und gemäss EDÖB ist es nicht erlaubt den Verzugsschaden, die Bonitätsprüfkosten, Zinsen etc auf der Hauptschuld dazuzuschlagen, um damit einen höheren Schuldbetrag in den Datenbanken zu generieren. Jedoch erlaubte der höhere Betrag (CHF 271.- anstelle der irrtümlichen CHF 72.45) den Zusatz mit der möglichen Bevormundung
  • Ich sei im 2011 an eine unbekannte Adresse abgereist, was nicht stimmte. Ich wohne seit 2010 in Zürich, immer noch an derselben Anschrift
  • Es wurde eine Schweizer Anschrift aufgelistet, an der ich gewohnt haben soll. De facto war ich dort nie registriert und wohnte auch nie dort (ich liess aber mal die Post dorthin umleiten, als ich im Ausland wohnte)
  • In keinem der 15 Auszüge waren alle Schweizer Anschriften vollständig aufgelistet, an denen ich tatsächlich wohnte, es fehlten immer diverse Schweizer Anschriften
  • Nirgends waren ausländische Anschriften/Wohnorte erwähnt, obwohl ich dort offiziell wohnte und ausländische Steuern bezahlte und mich in der Schweiz offiziell abgemeldet hatte

Wenn falsche Daten auftauchen haben wir Schweizer Bürger wiederum das Recht, diese „vernichten“ zu lassen, wie das der Gesetzgeber formuliert. Und zwar dient dazu der Art. 5 des Bundesgesetzes über den Datenschutz vom 19. Juni 1992 (235.1 DSG). Dort heisst es:

Art. 5 Richtigkeit der Daten

1 Wer Personendaten bearbeitet, hat sich über deren Richtigkeit zu vergewissern. Er hat alle angemessenen Massnahmen zu treffen, damit die Daten berichtigt oder vernichtet werden, die im Hinblick auf den Zweck ihrer Beschaffung oder Bearbeitung unrichtig oder unvollständig sind.1

2 Jede betroffene Person kann verlangen, dass unrichtige Daten berichtigt werden.

Musterschreiben für ein Löschungsbegehren finden Sie hier.

Wieso waren meine Daten derart falsch? Der Ursprung des Übels liegt darin, dass die Inkassobüros (in meinem Fall arvato infoscore Inkassobüro AG in Schlieren) einer regelrechten Sammelwut von Daten verfallen sind. Für die Inkassobüros sind Daten = Geld. Und negative Daten = noch mehr Geld. So titelte der Tagesanzeiger am 28. August 2012

Die Sammelwut der Inkassobüros

Und da ein Löschungsbegehren von falschen Daten für infoscore auch heisst: „Daten löschen = keine teuren Daten mehr verkaufen können“ sträubte sich infoscore Inkasso AG mit allen Mitteln gegen die Löschung über mehrere Monate hinweg. Wer die Details hierzu lesen möchte, kann dies in meinem Buch „Beim Barte des Propheten, Sunrise?“ tun mit Verweis auf Seite 135 „Schlampig gesammelte Daten“, welche aus einer Stichprobe vom Tagesanzeiger aufzeigte, dass weit mehr als 70% der gesammelten Daten falsch sind. Mir tun die Datenkäufer leid, welche für ihr Geld mit derart schlechter Datenqualität beliefert werden.

Es sind aber nicht alle Inkassobüros (oder Datenbanken) so destruktiv wie infoscore. Am anderen Ende der Effizienz- und Kooperationsskala befand sich OFWI (Orell Füssli Wirtschaftsinformationen), welche mittels ihrem Social Media Arm „Infocube“ meine irrtümlichen Daten innerhalb eines einzigen Arbeitstages löschen liess. Am 17. Juli 2012 hatte ich einen Blog hierzu geschrieben, mit dem Titel „Die Sache mit den Bonitätsdatenbanken

Fazit

Ja, es ist schwierig, zeitraubend, nicht ganz gratis (jedes Einschreiben kostet CHF 6.- Porto; Stand Februar 2013) und umständlich zu erfahren, welche Daten über einem gespeichert wurden. Dazu kommt noch, dass die Datenbanken mehrheitlich unvollständig Auskunft geben. In meinem Fall zum Beispiel, wurde mehrheitlich nicht darauf eingegangen, an welche Drittparteien die Daten noch weitergegeben wurden. Diese Information musste (mit einer Ausnahme) nochmals separat nachgefragt/nachgefasst werden.

Und trotzdem besteht kein Grund zur Panik. Denn das Gesetz (DSG) existiert und ist auf unserer Seite. Auf der Seite der Schweizer Bürger. Das Gesetz muss einfach vom Antragssteller durchgesetzt werden und erfordert entsprechend viel Energie und viel Beharrlichkeit.

Mit genau dieser Argumentation, dass ja das Gesetz (DSG) zum Schutz der Schweizer Bürger bereits existiert, beantragte der Bundesrat am 29. August 2012, die von Ständerätin (VD) Frau Géraldine Savary (am am 14. Juni 2012) eingereichte Motion, wonach nicht regulierte Datenbanken verboten werden sollten, abzulehnen. Der Ständerat lehnte demzufolge die Motion, nicht regulierte Datenbanken zu verbieten, am 27. September 2012 tatsächlich ab.

Wenn man die Quelle der Falschinformationen (in meinem Fall Sunrise) eruieren kann und zur Stellungnahme zwingen kann (was ohne Ombudscom eventuell nicht möglich gewesen wäre) kann man sich die existierenden Gesetze tatsächlich zunutze machen.

Wäre aber Sunrise in der Zwischenzeit Konkurs gegangen, dann wären sehr wahrscheinlich meine verleumdenden und falschen Daten über meine Person über ganze 30 Jahre gespeichert geblieben. Oder, es hätte nicht wie in meinem Fall Monate, sondern stattdessen Jahre gekostet, um diese falschen Daten, welche meine wirtschaftliche Existenz massiv bedrohten, löschen zu lassen.

Eine politische Lösung zur Verbesserung dieses Missstandes bleibt, nach Ablehnung der vorerwähnten Motion wünschenswert. In meinen eigenen Worten: „dringend notwendig“. Sollte Ständerätin Frau Savary eine Rede eines Opfers vor dem Ständerat oder einem anderen Gremium wünschen, ich stehe gerne zur Verfügung. Die Ständeräte hören einem nicht-Politiker, aber einem Opfer aus der Praxis zu diesem Thema vielleicht eher zu.

From → Archiv

3 Kommentare
  1. Joel permalink

    22. März 2013: Danke für deinen Blog
    Ich hab auch eine ähnliche leidensgeschichte aber etwas mehr kompliziert mit der UPC Cablecom und Irtrum Abzocker
    Die leider immer noch seit 8 Jahren anhält

    PS. danke für die viele Tipps und links

  2. Gisela permalink

    3. März 2013: Ich danke auch für diesen hervorragenden Blog. Ich werde nun auch bald ein Auszugsbegehren an diverse Datenbanken bereitstellen. Es ist schon ziemlich beschämend, dass die Politiker in Bern einen solchen Missstand offenbar einfach so tolerieren.

  3. ph.cuny@hispeed.ch permalink

    17. Februar 2013: Vielen Dank! Ihre Arbeit ist sehr sehr wichtig.

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